Presse für Shockheaded Peter

TLZ - 17. NOVEMBER 2008

 

Die sind doch alle vollkommen gaga
Böse Buben und freche Lieder:

Erstes Musical mit Live-Musik in der Schotte sorgte für absolute Begeisterung
Von Sylvia Obst
Altstadt. (tlz) „Seht, staunt und vor allem: nehmt euch in Acht!“ Ist eine der Aufforderungen des Abends. Doch dieser Aufforderung hätte es nicht bedurft. Denn sehen und staunen sind von Beginn an inbegriffen. Und letzten Endes ist kaum sagbar, was dann am meisten fasziniert hat – oder alles gemeinsam?
An erster Stelle überzeugt die ungeheure Spielfreude der Akteure, die eingängige Spielweise der Live-Musiker, das ebenso praktische wie lustige Bühnenbild und – last but not least – die Auswahl des Stückes.
Am vergangenen Wochenende erlebt in der Schotte: „Shockheaded Peter. Böse Buben – freche Lieder“ seine Premiere – eine vor Ideen und Einfallsreichtum nur so sprühende Inszenierung von
Sandra von Holn und Werner Brunngräber. Die Begeisterung des Premierenpublikums kennt keine Grenzen. Und, in Tat entpuppt sich die Story rund um die einzelnen Geschichten aus dem allseits bekannten und beliebten Struwwelpeter insgesamt zu einem Abend, an dem jede und jeder Einzelne im Schotte-Team beweisen kann, was in ihr oder ihm steckt. Dabei ist alles getragen von solch wundervoll-hintergründigem Humor und leicht angeschwärzt, wie man ihn nur
aus England kennt. Was nicht immer im ersten Moment zu erkennen ist. Aber dann umso mehr Spaß bereitet. Stammt doch dieses erste Schotte-Musical aus englischer Feder von Phelim McDermott, Julian Crouch und Martyn Jacques. Die Schotte-Regisseure von Holn und Brunngräber haben Stoff und Musik für ihre jungen Spieler und ihr junges Publikum (ab 16 Jahre) frisch und frech zubereitet. Den Akteuren gefällt das so gut, dass sie sich dermaßen ins Zeug legen und so die Zuschauer durchgängige anderthalb Stunden lang einen Gag nach dem andern
serviert bekommen. Freude pur. Anderthalb Stunden Freude pur „Shockheaded Peter“ (shockheaded übersetzt: wie ein Struwwelpeter) erzählt die Geschichte eines jungen Pärchens (Sarah Bickrodt und Simon Kuchinke), das sich mit Gedanken rund ums Thema „Wollen wir Kinder oder nicht?“ beschäftigt. Sie machen sich auf den Weg zu verschiedenen Beratern und werden dabei in ihren Träumen eingeholt von den verschiedenen Storys aus dem Struwwelpeter.
Dabei erleben sie, wie auch das Publikum, den Suppen-Kaspar ebenso wie Hans-guck-in-die-Luft oder das zündelnde Paulinchen, das allein zu Haus war. Oder Friederich, der arge Wüterich.
Oder Daumenlutscher-Konrad... Luisa Eger, Karoline Hudl, Vincent Müller, Jan Schumacher und Rebecca Voß spielen diese Kinder. Und wie! Sie sind allesamt in irrigschreiend-lustige Kostüme
gesteckt, die eine fantasievolle Mischung aus Nachthemden mit Mozartkragen darstellen und dazu Haartrachten-Mützen von scheinbar Außerirdischen tragen. Dabei toben und springen, schreien und singen alle unentwegt ihre skurrilen Lieder der einzelnen Struwwelpeter-Geschichten.
Mit und ohne Reim. Auf jeden Fall mit wundervollhintergründiger Musik, die an „Element Of Crime“ (Sven Regener) erinnert und zum Mitsingen oder zumindest –summen einlädt. Dem ganzen Spaß setzte Caroline Blumert als „die Wandelbare“ noch eins oben drauf. Sie ist ein mit einer Portier-Klingel ausgestatteter Conferencier. Ihr Marktschreier-Duktus empört ebenso wie er belustigt. Vor allem führt er/sie durch den Abend, ebenso perfekt inszeniert wie das gesamte
Team, die gesamte Show, das gesamte Entertainment. Dabei nicht zu vergessen: die Band! Wie alles andere auch, besonders erwähnenswert, weil unvergesslich: Annett Elster (Akkordeon), Enrico Sobetzko (Gitarre), Werner Brunngräber (Bass), Stefan Melzer, Martin Gobsch und
Andreas Schulze (alle Percussion). Sie lieferten die Krönung des Abends: den Böse-Buben-Song. Fazit: „Shockheaded Peter“ - perfekt, begeisternd, wundervoll schräg, und: einfach toll gemacht.
Wenn die Schotte nicht schon so viele Auszeichnungen kassiert hätte (u.a. Träger des
Thüringer Kulturpreises), dafür hätte sie auf jeden Fall einen verdient.